18. April 2018 | EDP Wire | Tina Freyburg, Nora Berger-Kern

LEGO und Brettspiele an Universitäten? Playful Learning in Seminaren zu Demokratie

 

Playful Learning, also spielerisch Lernen, klingt zunächst nach einem Verhalten, das wir bei Kindern beobachten. Kinder lernen spielerisch im Alltag die Welt kennen – sie kreieren und imitieren ihre Umwelt, um sie so (be)greifbar zu machen und sie sich Schritt für Schritt anzueignen. Mit der Zeit hören Kinder jedoch vermehrt auf zu spielen, besonders in den höheren Klassen wird das spielerische Lernen immer weniger als Lernmethode eingesetzt und schließlich lernen die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Frontalunterricht, der relativ wenig Spielraum für Innovationen bietet. In Universitäten zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Vor den Tafeln und Whiteboards stehen Dozierende und lehren, vor ihnen sitzen die Studierenden und nehmen die Informationen auf. Interaktionen beschränken sich meist auf Diskussionen, aufgabenbasierten Gruppenarbeiten und Rückfragen. Doch die Universitäten bemühen sich zunehmend um mehr Diversität und Interaktion in der Unterrichtsgestaltung und Lernevaluierung.

Wie können Studierende dazu angeregt werden, sich aktiv und eigenständig mit der zu behandelnden Thematik auseinanderzusetzen? Wie kann das Wissen nachhaltig und in einer positiven Lernatmosphäre vermittelt werden? Wie können Studierende die Möglichkeit bekommen, das Unterrichtsthema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und so unter Umständen neues Wissen zu generieren? Im Gegensatz zu Kindern brauchen Studierende, also lernende Erwachsene, meist eine Person, die sie anstiftet, das Gewohnte einmal anders zu machen. Gelingen kann dies durch die interaktive Einbindung der Studierenden in den Lehr- und Lernprozess. Interaktive und kooperative Elemente helfen dabei, eine effizientere Lernumgebung zu kreieren.

Eines der Stichwörter ist Playful Learning. Spielerisch lernen heißt, neue Dinge auszuprobieren, ohne Gefahren Grenzen auszuloten, und oftmals auch die Routine des (Universitäts-)Alltags zu durchbrechen (vgl. Nørgård et al. 2017). Mit Hilfe von spielerischen Elementen soll die Gruppendynamik verbessert, ein gegenseitiges Kennenlernen vereinfacht und das eigenständige und kreative Denken der Teilnehmenden angeregt werden. Es handelt sich um einen inklusiven Ansatz, der Barrieren abbauen und dadurch eine vereinfachte Verständigung ermöglichen soll. Spielerisches Lernen ist aber nicht nur Motivator, sondern auch Methode, um etwas intuitiver und tiefer zu verstehen. Durch die Interaktion wird das logische Denken geschult, man entwickelt Problemlösungstechniken (vgl. Whitton et al. 2014: 245). Zudem kann beim Spielen auch Faktenwissen nachhaltiger erarbeitet werden. Wir lernen vor allem dann, und darauf bauen viele Kreativmethoden auf, wenn wir etwas miterleben und emotional eingebunden sind. Dieses Lernen ist anspruchsvoller und anstrengender, doch wenn man Spaß hat beim Spielen, merkt man nicht, dass man lernt. Verschiedene Studien legen nah, dass durch den Einsatz von spielerischen Elementen ein verbesserter Lerneffekt erzielt werden kann (vgl. Rice 2009: 96; Nørgård et al. 2017: 273). Außerdem ist das spontane Reagieren aus einer Situation heraus in einer globalisierten Welt, in der sich alles sehr schnell verändert, auch im Berufsleben absolut zentral.

Die Lehre im Bereich Demokratiestudien stellt ein besonders vielversprechendes Gebiet dar aufgrund der komplexen Verfahren, der Vielfalt möglicher Perspektiven sowie der Relevanz zum Alltag der Studierenden. Das Lehrkonzept des Playful Learning bietet eine ganze Spannbreite an analogen Spielelementen, sei es der Einsatz von Rollenspielen, Talkshows, virtueller Welten, LEGO, von Leinwand und Farbe oder von (Brett)-Spielen. Im Folgenden stellen wir ausgewählte innovative Lerntechniken vor, welche Tina Freyburg, Professorin an der Universität St.Gallen und eines unserer EDP-Netzwerkmitglieder, in ihren Seminaren bisher erfolgreich angewendet hat.

 

Demokratie bauen: Lego im Unterricht

 

Lego hat in den letzten Jahren eine ganze Palette an Unterrichtsmaterialien entwickelt, welche auch in der Lehre im Bereich Demokratiestudien facettenreich eingesetzt werden können. Tina verwendet sie vor allem in der ersten Einführungssitzung ihrer Seminare als hilfreiches und unterhaltsames Werkzeug der Wissensvermittlung. Die bunten Plastiksteine aus Dänemark fungieren nicht nur als Eisbrecher, sondern machen auch möglich, sich abstrakten Begriffen wie «Demokratie» aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. So erlauben die bunten Steine den Studierenden, ihre eigenen individuellen Demokratievorstellungen kreativ, eigenständig und gestalterisch auszudrücken. Sie ermöglichen die gleichberechtigte Kommunikation miteinander in einem integrativen, wertungsfreien und motivierenden Umfeld. Jede*r Einzelne bringt sich ein und übernimmt eine aktive Rolle im Lernprozess. Dabei ist es nicht so einfach, eine Idee im Kopf in ein Modell umzuwandeln.

 

Darstellung 1. Aufgabenstellung im Seminar ‚Demokratie und Demokratisierung‘ (Freyburg)

 

 

Tina Freyburg nutzt die Bausätze von Lego Education ‚BuildToExpress‘ in den Kick-off Veranstaltungen ihrer Demokratie-bezogenen Seminare. Dabei setzt sie Legobausteine als kreatives Lernwerkzeug ein, um verschiedene Lernziele zu erreichen. Darstellung 1 zeigt die Folien mit den Aufgabenbeschreibungen, wie sie Tina beispielsweise in ihrem BA-Seminar ‚Demokratie und Demokratisierung‘ verwendete. Hier war das primäre Ziel, basierend auf den individuellen Demokratievorstellungen der Teilnehmenden die unterschiedlichen idealtypischen Demokratiemodelle aus der Politischen Theorie zu erarbeiten. Darstellung 2 zeigt Beispiele wie Fotos der von den Studierenden gebauten Legoszenen zur Darstellung und Diskussion der idealtypischen Demokratiemodelle, die in einer späteren Sitzung wieder aufgegriffen werden. In ihrem MA-Seminar ‚Demokratie in der digitalen Gesellschaft‘ hingegen, nutzte Tina die Legobausteine zur Identifizierung der wahrgenommenen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von analoger und digitaler Demokratie, indem sie die Studierenden aufforderte, zuerst ihre Vorstellungen von Demokratie und anschließend von digitaler Demokratie zu bauen.

 

Darstellung 2. Lego zur Erarbeitung idealtypischer Demokratiemodelle

 

 

Demokratie durch Kunst begreifen und darstellen

 

Eine weitere innovative und kreative Möglichkeit, sich abstrakten Begriffen zu nähern ist die visuelle Kunst. Auch mit dieser Form der Wissensvermittlung experimentieren EDP-Mitglieder. Ziel des MA-Seminars ‚Kunst und Demokratie‘ von Tina Freyburg war es, den abstrakten Begriff der Demokratie mit Hilfe von visueller Kunst so zu dekonstruieren, dass er für den einzelnen Teilnehmenden eine individuelle Bedeutung bekommt. Das Seminar, welches sie gemeinsam mit dem Bildhauer Friedhelm Welge und der Sozialwissenschaftlerin Rebecca Welge realisierte, forderte die Studierenden auf, kritisch Stellung zu beziehen, eigene Ansichten begründet zu entwickeln und Verknüpfungen herzustellen zur heutigen Gesellschaft. Nach einer eingehenden Diskussion der wichtigsten theoretischen Demokratiemodelle und der Auseinandersetzung mit Kunstwerken auf dem Campus der Universität St.Gallen, sollte das darauffolgende künstlerische Schaffen den Studierenden die Möglichkeit geben, ihre eigenen Auffassungen der Demokratie in persönlichen Collagen und Gemälden zu reflektieren. Zum Abschluss des Praxisworkshops entwarfen alle Teilnehmenden zusammen ein großes Gemälde, in welches die erworbenen künstlerischen Fähigkeiten aber auch das entwickelte demokratische Verständnis hineinflossen.

 

Darstellung 3. Fotos der Durchführung des Seminars ‚Kunst und Demokratie‘ (Freyburg)

 

 

„Raus aus der ‚Wohlfühlzone‘“ lautete denn auch die Überschrift eines Interviews mit Julian, einem der Teilnehmer des Seminars, welches in der Studierendenzeitschrift Prisma der Universität St. Gallen erschienen ist. Wie Julian betont, hatte vor allem der ganze Prozess, das gemeinsame Abschlusswerk zu kreieren, auch etwas Demokratisches an sich. Es ging um Diskussionen, Entscheidungen, Kompromisse, Arbeitsteilung und ein gemeinsames Ergebnis. Das Ergebnis fand er sehr beeindruckend. Er hätte von sich selbst nicht gedacht so etwas einerseits malen zu können und andererseits auch so viel Freude daran zu haben. Um die Ergebnisse und Herangehensweise auch für andere zugänglich zu machen, wurden die entstandenen studentischen Arbeiten öffentlich im Hauptgebäude der Universität gezeigt, siehe Darstellung 4.

 

Darstellung 4. Fotos der Ausstellung im Hauptgebäude der Universität St.Gallen

 

 

Durch ihren aktiven physischen Bezug zur Wirklichkeit erscheinen diese unmittelbaren (analogen) Lernerfahrungen umso wichtiger in einer sich digitalisierenden Welt. Die Studierenden lernen auch etwas zu erstellen, bei dem sie nicht von Anfang an wissen, wie das Resultat aussehen wird. Auch fördert kulturelle Bildung die geistige Offenheit sowie die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Insgesamt möchte das Seminar helfen, wichtige Kompetenzen für zukünftige Entscheidungsträger*innen und demokratische Bürger*innen auszubilden, wie sie mit klassischer Lehre im Kernstudium nur schwer zu vermitteln sind.

 

Demokratie spielend gestalten: Gamification und (Brett-)Spiele

 

Auch Karten- oder Brettspiele in der universitären Lehre dienen didaktisch der Schulung von Fähigkeiten der Studierenden, komplexe soziale Phänomene zu analysieren und zu beurteilen. Zusammen mit Rebecca Welge bietet Tina Freyburg einen Workshop für Dozierende zu dieser Thematik an. Robert Lovell wird ebenfalls beteiligt sein und seine Expertise im Bereich der (Bildung-)Spielentwicklung einbringen. Ziel dieses Workshops ist, innovative Gestaltung von Lehreinheiten mit Spielen, Spielelementen und Spieladaptionen (Stichwort „game-based learning“, „Gamification“) vorzustellen. Die Teilnehmenden erhalten Einblick in spiel-basierte Lehr-Lern-Ansätze und unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten (von einzelnen Lehreinheiten bis hin zur Gestaltung ganzer Seminare). Grundsätzlich können sehr unterschiedliche Inhaltsgegenstände spielerisch vermittelt werden. Dem Workshop dient als konkretes Anwendungsbeispiel die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Demokratieverständnissen und Modellen von Demokratie.

 

Anmeldungen für den Workshop zu spiel-basiertem Demokratie-Lehren und Lernen an der Universität St.Gallen am 24. und 25. Mai sind noch möglich [Infos hier], per Email an tina.freyburg@unisg.ch oder mail@rebeccawelge.eu.

 

Playful Learning – notwendig und sinnvoll

 

Die Methode des aktiven Lernens, die Studierende durch den Einsatz verschiedener Lerntechniken dazu ermutigen soll, durch Interaktion und Kooperation verbesserte und nachhaltigere Lernergebnisse zu erzielen, wird traditionellen Lehrmethoden immer häufiger vorgezogen. Spielen eignet sich besonders als Methode für den Unterricht, da die Grenzen zwischen Arbeit und Spiel gebrochen oder verwischt werden, wodurch beide Handlungen verschmelzen (vgl. Rice 2009: 95) und eine neue, innovative Herangehensweise an den zu lernenden Stoff ermöglicht wird. Das Herausbrechen aus bekannten Strukturen und Denkmustern mittels eines Spiels ermöglicht einen neuen Blickwinkel, der mit traditionellen und altbekannten Methoden teilweise nur schwer zu erreichen ist. Playful Learning ist eine Methode, in der es vorgesehen ist, dass der Lernprozess Spaß bereitet (vgl. Rice 2009: 96). Sie kann gut mit anderen Lehrmethoden verbunden werden, regt die Fantasie der Teilnehmenden an und hat sich aus der Erfahrung von Tina Freyburg als ein vielversprechender Ansatz herausgestellt, der auch in zukünftigen Lehrveranstaltungen weiter ausgearbeitet und verfolgt werden wird.

Der zunehmende Fokus auf quantifizierbaren Ergebnissen, Evaluationen und Bewertungen in der Universitätslehre schafft eine Lernkultur die geprägt ist von Versagensängsten, der Risikovermeidung und einem zielorientierten Verhalten, welches extrinsisch motiviert ist. Playful Learning will diesem Trend entgegenwirken. Ziel ist, eine Kultur des Lehrens und Lernens zu entdecken, zu etablieren und zu entwickeln, welche intrinsisches Verhalten und Wissensdurst stimuliert, einen sicheren Raum für akademisches Experimentieren und Entdecken schafft und die reflektierende Risikobereitschaft, kreative Ideenfindung und individuelle Teilnahme in Bildung und Ausbildung fördert. Spielbasierte Lerntechniken fordern auf, die Lehre an Universitäten zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern.

 

Literatur

 

Nørgård, R., Toft-Nielsen, C., & Whitton, N. (2017). Playful learning in higher education: developing a signature pedagogy. International Journal of Play, 6(3), 272-282.

Rice, L. (2009). Playful Learning. Journal for Education in the Built Environment, 4(2), 94-108.

Whitton, N., Jones, R., Wilson, S., & Whitton, P. (2014). Alternate reality games as learning environments for student induction. Interactive Learning Environments, 22(3), 243-252.

 

 

Prof. Dr. Tina Freyburg is a comparative political scientist with a background in international and European politics with a keen interest in applied social science methodology. She works as a Professor of Comparative Politics in the School of Economics and Political Science (SEPS) at the University of St.Gallen, Switzerland and is a member of the EDP network. 

 

Nora Berger-Kern is a Master of International Studies / Peace and Conflict Studies candidate at Goethe University Frankfurt am Main since 2017. She holds a B.A. in Political Science from Goethe University Frankfurt am Main and works as a student research assistant for the EDP network at Peace Research Institute Frankfurt (PRIF). Her research interests include human rights, international humanitarian law and humanitarian interventions. 

 

« back